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„Das Bedürfnis, sich politisch zu engagieren, ist da!“

  • 12. Juni 2019
  • Autor: VA

Ist die heutige Jugend unpolitisch? Und wie steht es mit dem politischen Engagement von FGZ-Schüler/innen? Louis Spiesshofer, Klasse O53, gewährt Einblick in seine vielfältigen politischen und sozialen Aktivitäten. Die Fragen stellte G. Valle.


Vielen Dank zunächst, lieber Louis, dass du dich zu diesem Interview bereit erklärt hast. Meine erste Frage gilt der „heutigen Jugend“: Ist sie eine unpolitische?
Die Themenflut, die durch die Medien auf die Jugend einprasselt, kann ein Engagement schon erschweren. Seit ich jedoch den Einsatz anlässlich des Klimastreiks, wo bis zu 12‘000 Demonstrant/innen vor allem zwischen acht und achtzehn Jahren teilnahmen, erlebt habe, stelle ich fest: Das Bedürfnis, sich politisch zu engagieren, ist da!
Wir Junge sind mit politischen Entscheiden oftmals nicht zufrieden und fühlen uns nicht angemessen vertreten. Deshalb ist es sehr wichtig, dass in Zukunft mehr junge Leute z.B. an den Wahlen in den Nationalrat teilnehmen. Ich spüre jedenfalls einen grossen Wandel in meiner Generation, und es ist wichtig, dass wir uns gerade in der heutigen Zeit auch aktiv engagieren.

Und wie steht es im Speziellen mit der „FGZ-Jugend“? Fällt sie, was das politische Interesse betrifft, aus dem Rahmen?
Ganz und gar nicht. Wir diskutieren z.B. sehr engagiert in unserer Klasse, u.a. im Fach Staatskunde, wenn es um Initiativen geht. Aber oft fehlen genaue Informationen resp. solche in angemessener Form. Ich bin deshalb mit der Schulleitung im Gespräch, wie wir eine Plattform schaffen könnten, die politische Informationen auf einem einfacheren, für Jugendliche geeigneten Level an die Mitschüler/innen bringen könnte.

Das tönt sehr interessant. Wie muss man sich diese Plattform genau vorstellen?
Es soll eine neutrale Plattform sein, die unterschiedliche Meinungen darstellt, z.B. eine Art Parolenspiegel der verschiedenen Parteien zu einer aktuellen Vorlage. Dabei sollen aber in erster Linie die jugendspezifischen Aspekte und Konsequenzen hervorgehoben werden.

Am FGZ haben wir ja die privilegierte Situation, dass während der fünften und sechsten Gymnasialklasse neben der Geschichte eine zusätzliche Staatskundelektion erteilt wird. Wie beurteilst du den bisher erlebten Unterricht?
Es wurde bislang viel theoretisches Basiswissen zum Aufbau unseres Staates vermittelt. Mir fehlen bisher im Unterricht das Vertiefende sowie die Auseinandersetzung mit aktuellen politischen Fragen, wie z.B. mit einer aktuellen Initiative.

Ich gehe davon aus, dass diese Auseinandersetzung im zweiten Jahr durchaus noch folgen wird.
Kann ich mir gut vorstellen, zumal unser Staatskundelehrer es sehr befürwortet, wenn Junge von Jungen politische Inspiration erfahren. Dabei wird die genannte Plattform sehr hilfreich sein, und ich denke, dass es auch im Unterricht Raum für dieses Anliegen geben wird.

Du selbst bezeichnest dich als „recht aktiv“ in der Politik. Wie genau äussert sich diese Aktivität?
Ich habe kürzlich das Parteienspektrum unter die Lupe genommen, und da mir die Bereiche „Wirtschaft“ und „Umwelt“, aber auch „Gleichberechtigung“ und „Chancengleichheit“ wichtig sind, bin ich der JGLP ZH, also den jungen Grünliberalen des Kantons Zürich, beigetreten. Zufälligerweise standen kurz nach meinem Beitritt die Neuwahlen zum Parteivorstand an, und ich entschloss mich, gerade auch wegen meines Alters zu kandidieren.
Und siehe da: Ich wurde tatsächlich gewählt und bin nun – mit meinen 17 Jahren – das jüngste jemals aktive Vorstandsmitglied. Somit bin ich seit einem Monat zuständig für die Organisation von Podien und Diskussionen sowie für Events im Hinblick auf Neumitglieder, deren Zulauf momentan übrigens sehr stark ist. Mir ist es wichtig zu zeigen, dass man, egal welches Alter oder Geschlecht man hat, seine Stimme nutzen kann.

Wie sehr nimmt dich deine politische Tätigkeit in Anspruch?
Wir haben ca. einmal im Monat eine ordentliche Vorstandssitzung, wo wir uns dem aktuellen politischen Geschehen widmen und die übliche Vorstandsarbeit tätigen, aber dazwischen gibt es immer wieder einmal auch spontane Zusammenkünfte, z.B. im Zusammenhang mit Wahlen oder aktuellen Veranstaltungen. Oft kann es aber auch sein, dass in kurzer Zeit ein Event geplant werden muss. Dann ist Spontaneität gefragt.

Und wie gelingt es dir, immer informiert zu sein, also dir die nötigen Sachkenntnisse anzueignen?
Da bin ich etwas ins kalte Wasser geworfen worden! Mein Interesse an politischen Dingen währt schon seit Längerem, aber ich musste meine Kenntnisse natürlich noch vertiefen. Ich lese zu diesem Zweck sehr viel Zeitung, darunter auch z.B. den Economist. In der kurzen Zeit meiner Vorstandstätigkeit ist mein politisches Verständnis schon spürbar gewachsen, und ich habe eine Möglichkeit bekommen, hinter den Vorhang der Geschehnisse zu blicken.

Woher rührt dein grosses Interesse für die Politik? Geht das auf deine Familie zurück? Oder woher hast du deine Anregungen empfangen?
In meiner Familie hat die politische Diskussion, auch das Interesse an wirtschaftlichen Fragen tatsächlich immer einen wichtigen Platz gehabt, wobei es stets von Bedeutung war, eigene Meinungen zu hinterfragen und verschiedene Standpunkte zu verstehen. So habe ich von klein auf gelernt, dass jede Stimme wichtig ist und dass man, egal ob bei einer Diskussion in der Politik oder zuhause am Esstisch, andere Standpunkte respektieren muss.
Diese Werte finde ich auch in meiner Partei wieder, indem wir Junge von Seiten der älteren Parteimitglieder eine grosse Wertschätzung erfahren und erleben, dass in unseren Diskussionen eine grosse Offenheit gegenüber unterschiedlichen Standpunkten herrscht.
Mir wurde aber auch oft von Menschen gesagt, dass es nichts bringe, sich in meinem Alter politisch aktiv zu engagieren. Dies war aber immer ein Antrieb für mich.

Neben deinem politischen gibt es aber auch ein soziales Engagement in deinem Leben.
Ja, es handelt sich um die von zwei Freunden und mir ins Leben gerufene Plattform Cloudymind, wo Jugendliche (in Deutsch und in Englisch) zu alltäglichen Problemen, wie z.B. Mobbing oder schulischer Stress, Informationen beziehen oder anonym Rat erhalten können. In den weitaus meisten Fällen chatten wir dabei live mit Teenagern, die Hilfe bei einem Problem benötigen oder Fragen haben. Unsere Plattform wird mittlerweile oft angeklickt und erfreulicherweise von der Zürcher Bildungsdirektion finanziell unterstützt.

Da dürftest du aber zeitlich doch recht stark beansprucht sein?
Ja, ich bin im Laufe der Woche während einiger Stunden eingespannt, aber es fühlt sich sehr gut an, meine Stimme sowohl politisch als auch sozial zu nutzen. Ich habe dadurch auch gelernt, Prioritäten zu setzen und Aufgaben zu kombinieren. So auch bei meiner Maturitätsarbeit, in der ich mich mit dem Marketing von Cloudymind befasse. Im Moment hängen wir fleissig Poster in Schulen auf, schreiben Zeitungen an und schalten jetzt als nächstes Werbung auf Social Media.

Und was sind deine Pläne für nach der Matura?
Ich möchte sehr gerne im Ausland, vorzugsweise in England, studieren. Aber natürlich wird auch mein politisches Engagement weiterhin einen wichtigen Platz in meinem Leben haben. Ich möchte gerne in der Zukunft dabei helfen, diese Welt ein wenig zu verbessern, mit den Mitteln, die mir zur Verfügung stehen.

Lieber Louis, ich danke dir für dieses Gespräch und wünsche dir alles Gute für dein weiteres Engagement auf allen Ebenen.