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Der Nahostkonflikt aus Sicht eines Augenzeugen: Besuch eines ehemaligen UNO-Militärbeobachters

  • 11. Dezember 2019

Die Anzahl an Resolutionen, welche die Vereinten Nationen seit ihrer Gründung im Jahre 1945 zum Nahostkonflikt – und im Besonderen zum Konflikt zwischen Israel und Palästina – verabschiedet haben, dürfte wohl vor allem für die Komplexität und Verworrenheit dieses Konflikts an der Levante sprechen, dessen Geschichte bekanntlich weit vor die Gründung der UNO zurückgeht. Letztere hatte sich in ihren Anfangsjahren intensiv mit der – zunächst vornehmlich territorialen – Lösung des Nahostkonflikts auseinandergesetzt und 1947 schliesslich in ihrer zweiten Vollversammlung die Resolution 181 mit dem viel zitierten Teilungsplan für Palästina verabschiedet. Vorgesehen waren sowohl ein jüdischer wie auch ein arabisch-palästinensischer Staat sowie ein international verwaltetes Jerusalem. Umgesetzt wurde der Teilungsplan nicht, und der Erste Nahostkrieg endete 1948 nur mit einem Waffenstillstand zwischen Israel und den arabischen Nationen. Noch im selben Jahr beschloss der UN-Sicherheitsrat die Errichtung einer unbewaffneten Friedensmission zur Wahrung des Waffenstillstands – die noch immer im Einsatz stehende United Nations Truce Supervision Organization (UNTSO).

Die UNTSO ist die älteste UN-Friedensmission weltweit. Sie stellt an verschiedenen Orten in und rund um Israel den Frieden sicher und verfügt, wie die meisten UN-Missionen, über Soldaten aus sehr unterschiedlichen UN-Mitgliedstaaten, darunter auch Schweizer Offiziere. Zu Letzteren zählte auch der Historiker Thierry Martin, der zwischen 2014 und 2015 als Teil der UN-Friedenstruppen auf den Golanhöhen zwischen Israel und Syrien stationiert war. Herr Martin erklärte sich bereit, im Ergänzungsfach Geschichte, in dem der komplexe Nahostkonflikt in diesem Semester zum Thema gemacht wurde, von seinen eindrücklichen Erlebnissen und unglaublichen Erfahrungen zu berichten und unseren interessierten Schülerinnen und Schülern für Fragen Rede und Antwort zu stehen. Eine Schülerin, die aktuell das Ergänzungsfach Geschichte besucht, berichtet:

Der Nahostkonflikt ist einer der am längsten andauernden Konflikte unserer Zeit. Mal schwelt er, mal bricht er brutal aus, doch er scheint einfach kein Ende nehmen zu wollen. Der Nahostkonflikt ist ein israelisch-arabischer Konflikt und damit auch für Europa von besonderem Belang, historisch wie auch geografisch betrachtet. Und er ist eines der grossen, ungelösten Probleme der UNO. Die UNO beschäftigt sich mit keinem Krisengebiet der Welt so sehr wie mit dem Nahen Osten und ihre Resolutionen begleiten ihn eigentlich von Anfang an. Daher schickt die UNO immer wieder Männer und Frauen aus Ländern der ganzen Welt in das Krisengebiet. So auch Thierry Martin, der als Referent zu uns ins Ergänzungsfach Geschichte am FGZ kam.

Herr Martin erzählte uns, dass die UNTSO von der regionalen Bevölkerung aller Seiten als Sicherheitsfaktor und als «Truth People» (Menschen, welche immer die Wahrheit sagen) wahrgenommen wird. Trotzdem passiert es immer wieder, dass Mitglieder der UNTSO von lokalen Rebellengruppen entführt werden, um sich einen Namen vor allem in den Medien zu machen. Auch werden ihre Camps immer wieder beschossen, auch wenn von ihnen keinerlei Bedrohung ausgeht. Sie hätten einfach als Zielscheiben gedient, erzählte uns Herr Martin, und selbst bei einer angekündigten Übung wurden sie angegriffen.

In einem mitgebrachten Film zeigte uns Herr Martin, wie er mit seinen Kollegen eine Strasse entlangfährt, an deren Seiten sich überall Minen befanden. Diese sind nicht nur für die Bevölkerung eine grosse Gefahr. Im Sommer explodieren diese in Buschfeuern, welche sich durch die Hitze immer wieder entfachen. In einem anderen Film zeigte er, dass sie sich immer mit grosser Geschwindigkeit durch die Dörfer bewegen und erklärte dazu, dass dies aus Sicherheitsgründen notwendig sei, weil man nicht wisse, wer sich in den Dörfern aufhalte, dies auch nur schwer erkennen könne und Autos immer wieder beschossen würden. Auch Kinder würden von Rebellen auf ihre Seite gezogen oder von ihnen terrorisiert. Viele junge Menschen in unserem Alter seien bereits fester Bestandteil von Rebellengruppen, beispielsweise dem IS.

So etwas zu hören, hat mich persönlich sehr bewegt. Ich glaube, wir waren alle sehr beeindruckt von der Arbeit dieser Menschen, die sich für die UNO engagieren. Es ist schwer zu ertragen, dass Menschen, die nur Frieden schaffen wollen, sich permanent in solcher Gefahr befinden. Es ist einfach ein unglaubliches Privileg, in einem friedlichen Land wie der Schweiz zu leben.