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"Schönhauser Allee" von Wladimir Kaminer

  • 23. November 2020
  • Autor: Amélie Radzikowski

Buch des Monats von Amélie Radzikowski

Zwölf Jahre nach der Wiedervereinigung Deutschlands ist die einstmals wichtige Einkaufsstrasse für DDR-Bürger verödet, selbst Läden wie „Rudis Resterlampe“ sind für die hier lebenden Klienten zu teuer. Für Bessergestellte gibt es dagegen die „Schönhauser Arkaden“, eines der grauenvoll gesichtslosen Einkaufzentren, wie sie zu hunderten den Osten Deutschlands überziehen.

Wladimir Kaminer: Schönhauser Allee
Amélie Radzikowski

Zwölf Jahre nach der Wiedervereinigung Deutschlands ist die einstmals wichtige Einkaufsstrasse für DDR-Bürger verödet, selbst Läden wie „Rudis Resterlampe“ sind für die hier lebenden Klienten zu teuer. Für Bessergestellte gibt es dagegen die „Schönhauser Arkaden“, eines der grauenvoll gesichtslosen Einkaufzentren, wie sie zu hunderten den Osten Deutschlands überziehen. “Schönhauser Allee” von dem deutschen Schriftsteller mit russischer Abstammung Wladimir Kaminer erzählt von merkwürdigen Schicksalen und unerhörten Begebenheiten in Berlin. Niemandem gelingt es besser als Wladimir Kaminer, uns das eigene Land wie ein Panoptikum bemerkenswerter Menschen erscheinen zu lassen. Wer hätte beispielsweise vermutet, dass Einkaufen zum Abenteuer werden kann?

Schön an der Schönhauser Allee ist das, was Wladimir Kaminer über sie schreibt. Herrliche Miniaturen, selten mehr als zwei, drei Seiten lang, über den verzweifelten Lebensmut vietnamesischer Grossfamilien und den Maler, dem selbst die Verbildlichung des Internets als Wandschmuck für einen Schnellimbiss gelingt. Da ist Kaminers Tante, die kein Wort Deutsch kann und den Fernsehmonteur mit einem Kardiologen verwechselt, der angeblich mit einem transportablen EKG unterwegs sei. Der Freundeskreis des Schriftstellers bewegt sich an der Grenze zum Panoptikum und wehe Kaminer entdeckt jemanden mit pittoresken Zügen auf der Strasse.

Kaminer zeigt uns den Alltag in der Schönhauser Allee. Er erzählt, was er sieht, und schildert die kleine Welt eines einzelnen Menschen. Genau das ist Kaminers Stärke: Grosse Fragen und wichtige Themen erklärt er durch Menschen und ihre Geschichten. Jede Geschichte überzeugt durch seine besondere Gabe, die Absurditäten dieser Welt zu karikieren.

Der Schriftsteller benutzt eine einfache Sprache und packt kleine Weisheiten in kurze Sätze: „Je grösser eine Familie ist, desto mehr Abfall produziert sie.“ Oder: „Ein Zeichen des modernen Lebens ist der volle Briefkasten“. Kaminer ist ein interessierter Mensch und stellt Fragen und nimmt sich Zeit für kleine Recherchen. Im Mülleimer findet Kaminer beispielsweise weggeworfen Bücher. Von Neugier gepackt, erforscht er die „Mülleimer Bibliothek und fragt sich, von welchem Kulturgut sich der zeitgenössische Leser zu Beginn des neuen Jahrhunderts verabschiedet. Seine Untersuchung ist spannend, denn er findet allerhand wichtige Bücher. Neben politischer Literatur wie "Bin ich Verfassungsfeind?" zieht er den Ullstein-Ratgeber "Woher die kleinen Kinder kommen" aus dem Abfall sowie "Das Nein in der Liebe. Abgrenzung und Hingabe in der erotischen Beziehung". In diesem Buch steht sogar eine persönliche Widmung: "Liebe Heike, zum Geburtstag herzliche Grüße. Dein Jörg." Kaminer fragt sich stutzig: "Heike, wieso wirfst du jetzt alle Bücher weg? So schnell kann man doch seine Vergangenheit nicht entsorgen. Egal wo man landet, muss man sich mit Abgrenzung und Hingabe beschäftigen". Er sagt es in einem unbedarften Ton, klar heraus. Und seine Mülleimer-Recherche lässt dem Hörer Zeit, sich Heike vorzustellen. Heike, die sich von alledem trennen wollte.

Die Suche nach einem Kindergartenplatz für seine kleine Tochter Nicole ist schon fast tragisch-komisch. In der "Bambini-Oase" wird sie abgelehnt, bei der "Kleinen Flohkiste", im "Wirbelwind" und auch in "Kitas Räuberbande" kann sie nicht bleiben. Die Dreijährige fragt sich: "Man hat mich im Kindergarten nicht genommen. Wie soll ich nun weiterleben?" Letztlich darf sie die "Frechen Früchtchen" besuchen, trotz mangelnder Sprachkenntnisse.

 

Das Ganze ist hochkomisch, unterhaltsam und von liebevoller Hinwendung zu den Benachteiligten dieser Welt geprägt. Es hat nur einen Makel: Man darf das Buch nicht mit der Wirklichkeit verwechseln, obschon Markennamen, Örtlichkeiten und vermutlich auch Personen der realen Welt entlehnt sind. Wladimir Kaminers „Schönhauser Allee“ ist als Roman anheimelnd warm und menschlich, in der Realität aber von Resignation geprägt. Kaminer ist schon fast ein „Kollega“ und man möchte ihn anstupsen und bitten: Erzähl mehr, noch eine Geschichte bitte!