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Andere Lebenswelten: Erfahrungen aus der Sozialwoche

  • 21. March 2022
  • Author: Franziska Schüpbach

Die Organisation offene Jugendarbeit (OJA) unterstützt und begleitet Jugendliche in ihrer Entwicklung und setzt ihre Förderung, Stärkung, Wünsche und Interessen ins Zentrum. Die Jugendtreffpunkte stehen den Jugendlichen als Kontakt- und Anlaufstelle sowie als Begegnungsmöglichkeit zur Verfügung. Die Sozialarbeiter bei OJA öffnen die Türen der Treffpunkte jeweils von Mittwoch bis Freitag und besuchen jeweils am Donnerstagnachmittag im Hard den Schulhort und helfen mit. Am Freitagabend gehen sie durchs Quartier und suchen das Gespräch mit den Jugendlichen, um ihnen möglicherweise zu helfen oder auch um einfach zu zeigen, dass sie nicht alleine sind und dass sie für sie da sind. Ich durfte während der Sozialwoche im OJA Jugendtreffpunkt des Kreises 9 an der Segnesstrasse in Altstetten und im Kreis 4 an der Gugolzstrasse im Hard drei Tage lang mitarbeiten.

Am Freitag war ich den ganzen Tag im Jugendtreffpunkt in der Hard. Es kamen viele Jugendliche zusammen. Die Jüngeren kochten zusammen und spielten Karten und hatten es sehr friedlich miteinander. Man merkte, sie hatten etwas Respekt vor den Älteren und hielten die Tür geschlossen und blieben unter sich. Die Älteren hielten sich zurück, ein Mädchen stand am Mischpult und machte Musik und die anderen tanzten dazu. Dann fingen sie jedoch an zu streiten. Es erinnerte mich sehr an Situationen, die sich manchmal am Stadelhofen abspielen. Lars, der Sozialarbeiter, der vor Ort für Ordnung sorgt, konnte aber noch rechtzeitig schlichten. Am Abend lief ich mit Lars durch das Quartier Hard, um mit Jugendlichen auf der Strasse und im Ausgang das Gespräch zu suchen und zu schauen, wie es ihnen geht, ob es Probleme in der Nachbarschaft gibt, weil sie zu laut sind, ob sie Hilfe brauchen oder einfach jemanden brauchen, um zu reden. Die meisten älteren Jugendlichen, die im Ausgang waren, kannten Lars noch von früher, weil sie früher auch in die Jugendtreffs gingen. Dies ist wichtig, denn so vertrauen sie ihm und sprechen auch recht offen über ihre Probleme.

Mir ging es sehr nahe, die Kinder so auf der Strasse und jeweils im Treff zu sehen. Vor allem als ein Junge mir erzählte, er wolle als einer von drei Kindern seines Jahrgangs an die Gymiprüfung gehen und würde deswegen als Streber angesehen und sein Leben sei dadurch noch schwieriger geworden. Was in meinem Umfeld als etwas komplett Normales angesehen wird, ist in der Hard die Ausnahme und die Kinder müssen sich dafür rechtfertigen.

Es war für mich ein Privileg, ein so anderes Zürich sehen zu dürfen. Ein Zürich, das im Vergleich zu meinem Alltags-Zürich unterschiedlicher nicht sein könnte. Ich bekam erneut Einblick, dass nicht alle Kinder so privilegiert aufwachsen dürfen wie ich und in eine gute Schule gehen dürfen.

Mich haben bei diesem Sozialpraktikum zwei Dinge sehr geprägt: Einerseits Jugendliche zu sehen, die sich vor allem auf der Strasse und in Treffpunkten aufhalten und nicht bei sich oder bei ihren Freunden zu Hause, und mit Kindern und Jugendlichen in Kontakt zu kommen, die wenig oder nicht zu Hause aufgehoben sind. Das war sehr eindrücklich und es half mir zu verstehen, wie privilegiert ich bin. Ich fand es äusserst spannend, mit den Jugendlichen zu reden und andere Menschen und deren Lebenskonstellationen etwas besser zu verstehen.